Manche Wahrheiten sind nur Gedanken,
die wir schon sehr lange glauben.
Bettina Flossmann
Was glaubst du – und ist das wirklich wahr?
Manche Wahrheiten sind nur Gedanken, die wir schon sehr lange glauben.
Und vielleicht beginnt Freiheit genau dort, wo du anfängst, sie infrage zu stellen.
Wir glauben den ganzen Tag.
Und damit meine ich jetzt gar nicht unbedingt den Glauben an Gott, das Universum oder irgendeine höhere Macht. Ich meine all die kleinen und großen Dinge, die wir über uns selbst, unseren Körper und unser Leben glauben.
„Das kann ich nicht.“
„Dafür bin ich zu alt.“
„Das war bei uns schon immer so.“
„Mein Körper kann das nicht.“
„Wenn der Arzt das sagt, dann wird es wohl so sein.“
„Das geht nicht.“
Und das Spannende ist:
Meistens bemerken wir gar nicht mehr, dass wir etwas glauben. Wir halten es für wahr.
Aus Gedanken werden Wahrheiten
Unser Verstand ist schon ein lustiges Kerlchen. Er quakt den lieben langen Tag vor sich hin, kommentiert, bewertet und befindet: Gut. Schlecht. Richtig. Falsch. Möglich. Unmöglich. Und wenn wir bestimmte Gedanken oft genug gedacht haben, werden daraus irgendwann Überzeugungen. Geschichten über uns und das Leben, die uns so vertraut geworden sind, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kommen, sie infrage zu stellen.
Aber nur weil du etwas seit zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren glaubst, bedeutet das noch lange nicht, dass es wahr ist.
Es bedeutet zunächst einmal nur:
Du hast es sehr lange geglaubt.
Und vielleicht lohnt es sich, genau da einmal ein bisschen genauer hinzuschauen. Denn natürlich beeinflusst das, was du glaubst, auch das, was du für möglich hältst. Es beeinflusst, worauf du deinen Blick richtest. Wie du eine Situation interpretierst. Welche Entscheidungen du triffst. Welche Schritte du gehst – oder eben gar nicht erst gehst. Wenn du zutiefst davon überzeugt bist, dass etwas sowieso nicht möglich ist, wie wahrscheinlich ist es dann, dass du überhaupt versuchst, aus deiner Grube herauszuspringen? Und damit sind wir bei einer meiner Lieblingsgeschichten.

Die Geschichte vom tauben Frosch
Ich liebe diese kleine Geschichte. Sie stammt ursprünglich von Harry Palmer und bringt für mich auf wunderbar einfache Weise auf den Punkt, welche Macht das haben kann, was wir glauben.
Stell dir eine Gruppe von Fröschen vor, die fröhlich durch den Wald hüpft. Plötzlich fallen zwei von ihnen in eine richtig tiefe Grube. Natürlich versammeln sich sofort alle anderen Frösche oben am Rand und schauen hinunter. Und ziemlich schnell sind sie sich einig: Keine Chance. Die Grube ist viel zu tief. Da kommen die beiden niemals wieder heraus.
Also beginnen sie, den beiden Fröschen ihre – natürlich nur gut gemeinten – Ratschläge zuzurufen:
„Freunde, ganz ehrlich: Das ist nicht machbar!“
„Da gibt es keinen Weg mehr heraus!“
„Das wird nichts mehr!“
Und tatsächlich: Der erste Frosch hört sich das alles an, atmet noch einmal tief aus … und fällt auf der Stelle tot um. Nun ja. 😄 Der andere Frosch allerdings springt. Und springt. Und springt. Die Frösche oben werden immer aufgeregter und rufen ihm zu:
„Hör doch auf!“
„Akzeptiere dein Schicksal!“
„Wir können leider nichts mehr für dich tun!“
Aber der Frosch denkt überhaupt nicht daran aufzugeben. Er springt weiter. Immer wieder. Und plötzlich – mit einem letzten gewaltigen Satz – schafft er es tatsächlich aus der Grube. Völlig erschöpft landet er oben neben den anderen.
Die Frösche können es kaum glauben. Sie versammeln sich um ihn und fragen: „Sag mal, warum hast du denn nicht aufgegeben? Wir haben dir doch die ganze Zeit zugerufen, dass du es nicht schaffen kannst!“ Der Frosch schaut sie etwas verwundert an. Und dann stellt sich heraus: Er ist taub.
Er hatte kein einziges Wort von dem gehört, was die anderen ihm zugerufen hatten. Stattdessen hatte er ihre aufgeregten Bewegungen vom Grund der Grube aus gesehen und gedacht: Die feuern mich an! Und weil er glaubte, dass da oben eine ganze Horde Frösche stand, die an ihn glaubte und ihn unterstützte, sprang er weiter.
Ist das nicht großartig? Die Grube war dieselbe. Die äußere Situation war dieselbe. Die anderen Frösche waren dieselben. Und trotzdem erlebten die beiden Frösche etwas vollkommen anderes.
Und was glaubst du?
Vielleicht lohnt es sich einmal zu beobachten, wie viele Frösche in deinem eigenen Kopf den ganzen Tag herumquaken. Und damit meine ich nicht nur die Menschen im Außen. Manchmal sind wir nämlich selbst die lautesten Rufer am Rand unserer eigenen Grube.
Das schaffst du nicht.
Das hast du doch schon hundertmal versucht.
Sei doch mal realistisch.
Das geht in deinem Alter nicht mehr.
Mit dieser Diagnose ist das eben so.
Da kannst du nichts machen.
Und vielleicht hast du manche dieser Sätze irgendwann einmal von anderen übernommen. Von deinen Eltern. Von Lehrern. Von Partnern. Von der Gesellschaft. Von sogenannten Experten. Vielleicht auch von Ärzten. Und irgendwann ist aus etwas, das ein anderer Mensch gesagt hat, deine Wahrheit geworden.
Alles ist Information – nicht deine Identität.
Gerade wenn es um unseren Körper geht, finde ich diesen Unterschied so wichtig. Natürlich dürfen wir medizinische Befunde ernst nehmen. Sie können uns wichtige Informationen darüber geben, was gerade im Körper geschieht. Aber du darfst trotzdem sehr bewusst damit umgehen, was du aus dieser Information innerlich machst.
Denn zwischen „Das ist der momentane Befund meines Körpers“ und „Das bin ich. Das ist jetzt mein Schicksal. So wird mein Leben sein.“ liegt für mich eine ganze Welt.
Wie schnell übernehmen wir Prognosen, Statistiken oder die Erfahrungen anderer Menschen und machen daraus eine Geschichte über unsere eigene Zukunft?
Vielleicht hat jemand etwas über deinen Körper gesagt. Vielleicht hat jemand gesagt, was angeblich noch möglich ist und was nicht. Du darfst diese Information hören. Du darfst sie ernst nehmen. Du darfst sie prüfen. Und gleichzeitig darfst du dich fragen:
Was davon möchte ich zu meiner Wahrheit machen?
Du bist an keinen Glauben gekettet
Das ist für mich einer der befreiendsten Gedanken überhaupt: Du bist an keinen Glauben gekettet. Nur weil du gestern etwas geglaubt hast, musst du es heute nicht weiter glauben. Du brauchst keine Erlaubnis, um heute anders über dich zu denken als gestern.
Vielleicht hast du jahrelang geglaubt, dass du nicht mutig bist. Vielleicht glaubst du, dein Körper sei dein Gegner. Vielleicht glaubst du, du seist deinen Umständen ausgeliefert. Vielleicht glaubst du, du könntest bestimmte Dinge einfach nicht.
Und dann darfst du heute einmal fragen: Ist das wirklich wahr?
Nicht im Sinne von: Welchen tollen positiven Glaubenssatz klebe ich jetzt darüber? Darum geht es mir überhaupt nicht.
Mich interessiert etwas viel Grundsätzlicheres: Will ich das weiterhin glauben? Macht mich dieser Glaube weit oder eng? Und was wäre, wenn ich für einen Augenblick nicht glauben würde, dass es „nicht geht“?
Vielleicht musst du noch gar nicht wissen, was stattdessen wahr ist. Vielleicht beginnt Freiheit viel früher. In diesem winzig kleinen Moment, in dem du bemerkst: Ach guck mal. Das ist ein Gedanke. Das ist eine Geschichte. Das ist etwas, das ich glaube. Und ich bin nicht gezwungen, es weiterzuglauben.
Du kannst jetzt neu wählen
Ich habe in meinem eigenen Leben immer wieder erlebt, wie kraftvoll genau dieser Moment sein kann. Mich innerlich einmal zu schütteln und zu sagen:
Okay. Das habe ich also bisher geglaubt.
Aber möchte ich es auch weiterhin glauben? Und wenn die Antwort Nein lautet, darf etwas Neues beginnen. Nicht morgen. Nicht wenn du „weiter“ bist. Nicht wenn du endlich deine ganzen alten Glaubenssätze aufgelöst hast.
Sondern jetzt.
Denn du bist nicht die permanent quakende Stimme in deinem Kopf. Du bist derjenige, der sie hören kann. Und genau darin liegt für mich eine unglaubliche Freiheit. Vielleicht brauchst du heute also gar keine neue große Wahrheit. Vielleicht reicht eine einzige Frage:
Was wäre möglich, wenn du nicht mehr alles glaubst, was du bisher für wahr gehalten hast?





















